Reise in die Welt der Kogui

Nur ausgewählten Nicht-Indigenen gestatten die Kogui, die an der Nord- und Westflanke
der Sierra Nevada de Santa Marta beheimatet sind und zu den am stärksten auf ihre Traditionen beharrenden indigenen Völkern in Lateinamerika zählen, den Zutritt zu ihrem Resguardo. Einmal abgesehen von den neugewählten Präsidenten Kolumbiens, die sich für einen Kurzbesuch per Helikopter vor der offiziellen Amtseinführung in Bogotá einfliegen lassen, um sich der spirituellen Kräfte der Mamas (Priester) vor Ort zu versichern, ist es nur wenigen vergönnt, ihr Land zu betreten, und noch geringer ist die Chance einmal die heiligen Orte in den höheren Lagen aufzusuchen. Man muss ihr Vertrauen erworben haben und als „Kleiner Bruder“ angenommen worden sein.


Alberto aus Tungueka
Alberto aus Tungueka. (c) Frank Semper
 

Dieses Privileg haben die Kogui nur sehr wenigen Menschen verliehen, darunter dem französischen Geografen Eric Julien, der von ihnen nach einem Lungenödem im Hochgebirge gerettet wurde, dem britischen Filmemacher Alan Ereira, der 1990 einen Dokumentarfilm mit ihnen gedreht hat und momentan damit beschäftigt ist, einen weiteren fertigzustellen, sowie dem Gründer der Fundación ProSierra und augenblicklichen Botschafter Kolumbiens in Berlin Juan Mayr Maldonado.

 

Letzterer hat für uns ein gutes Wort beim Gobernador Juan de los Santos eingelegt. Doch bevor wir das Resguardo betreten dürfen, wird unser Besuchsanliegen vom versammelten Cabildo in der Casa Indígena in Santa Marta auf Herz und Nieren geprüft. Wer in das Reich der Kogui eingelassen werden will, muss keine materiellen Güter vorweisen, sondern Geduld und überzeugende Argumente. Die Kogui haben mit Besuchern jeglicher Couleur in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht, und sie wissen nur zu gut, dass sie es allein ihrem Argwohn gegenüber der westlichen Lebensweise verdanken, dass sie ihre Traditionen und den Zusammenhalt ihres Volkes über die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage aufrechterhalten konnten. Das gilt umso mehr, als sie das Eroberungsstreben der Weissen nur allzu gut kennen. Denn ihre Vorfahren, die Tairona, gehörten zu den ersten Indigenen Südamerikas, die die spanischen Eroberer im 15. Jahrhundert, nach der Besiedelung der Karibikküste zu unterwerfen gedachten. Nach wiederholten Aufständen gegen die Fremdherrschaft waren die Tairona schließlich besiegt aber nicht unterworfen worden und hatten sich um 1600 in die unzugänglichen, vom Dschungel eingenommenen höheren Regionen der Sierra Nevada zurückgezogen. Auf diese Weise entgingen sie weitgehend den Auswirkungen des Kolonialismus. Kaum einmal verirrte sich ein Fremder in ihr Land. Selbst Alexander von Humboldt war die Erkundung der abgelegenen Sierra viel zu mühsam, und er dürfte ihre zumeist in Wolken gehüllten schneebedeckten Gipfel wenn überhaupt, dann allenfalls vom Schiff aus, auf dem Weg von Kuba nach Cartagena gesehen haben. Erst der Archäologe und Völkerkundler Karl Theodor Preuss unternahm vom November 1914 bis April 1915 eine Forschungsreise zu den Kágaba, wie die Kogui damals noch genannt wurden, und dies wohl auch nur deshalb, weil die Kriegs- und Nachkriegswirren in Europa die Fortsetzung der Karriere im heimischen Berlin zunächst unmöglich gemacht hatten. Und dann sollten noch einmal weitere 25 Jahre vergehen, bevor die von Preuss begonnene Forschungsarbeit durch Gerardo Reichel-Dolmatoff, den wohl bedeutendsten Ethnologen Kolumbiens, seine Fortsetzung finden sollte. Reichel-Dolmatoff verfasste eine Monografie, die bis zum heutigen Tage als Standardwerk über die Kultur der Kogui zu gelten hat. Welch ein Mikrokosmos die Welt der Kogui war und ist, zeigt sich schon daran, dass der wichtigste Informant von Reichel-Dolmatoff, Mama Julían Nolavita, zugleich der Sohn des Informanten von Karl Theodor Preuss war.
Heute sind die Nachfahren der Tairona aus ihrer frei gewählten Isolation ins allgemeine Bewusstsein der Welt zurückgekehrt, doch nach wie vor beschränkt sich der Außenkontakt zur umgebenden Nationalgesellschaft auf ein Minimum. So verstehen die Kogui mehr von unserer Welt als wir von ihrer.

Die Nacht vor unserem Aufbruch verbringen wir in Mingeo, einem lebhaften Durchgangsort, 90 km östlich von Santa Marta an der Küstenstraße in Richtung Riohacha, eine typisch karibische Ansiedlung, bestehend aus kleinen einstöckigen Häusern, einem Polizeiposten und einigen Marktbuden. In der Nacht hat es geschüttet, geblitzt und gedonnert und mehrmals ist der Strom ausgefallen. Am Morgen treffen wir Antonio Coronado an der unscheinbaren Abzweigung, die in die Sierra führt, in seiner Begleitung drei vom Fleck weg organisierte Mopedtaxis.  
Junger Kogui unterwegs auf dem Maultier. (c) Frank Semper

Unser Guide und Übersetzter trägt einen geflochtenen Sonnenhut, und einen weissen, aus grober Wolle gefertigten Umhang und eine ebenso weite wollene, hochgekrempelte Hose sowie ein Paar Wanderstiefel im Stil von Panama Jack. Wir steigen auf den Rücksitz der 125ccm Bajaj-Mopeds, und ab geht es in wilder Fahrt über Stock und Stein, durch Flussläufe und über schmale Brücken nach Domingueka.

Dort angekommen fällt unser Blick zunächst auf die roten Backsteingebäude einer modernen Schule und einer Krankenstation. „Das soll ein Dorf der Koguí sein?“ frage ich erstaunt und enttäuscht. Antonio zeigt über die nächste Anhöhe, „Dort ist das Dorf.“
Er übergibt uns, während er sich in die angezeigte Richtung auf den Weg macht, an den tiefernsten zwanzigjährigen José Manuel mit streng zurückgekämmten Haar, der seine Ausbildung als Krankenpfleger im Inland absolviert, bedächtig Spanisch spricht und uns in der Schule herumführt, in der gerade unterrichtet wird. Was wir vorfinden, ist die bedeutendste Bildungseinrichtung der Kogui mit insgesamt 200 Schülern, einigen Kogui-, mehreren kolumbianischen und sogar zwei Englischlehrern, die die Schüler bis zum Bachillerato, der kolumbianischen Hochschulreife, führen. Es gibt eine kleine Bibliothek und einen Computerraum, alles angetrieben vom Strom der im Garten aufgestellten Solarpanelen, aber wirklich beeindruckt sind wir von dem Eifer mit dem hier gelernt wird. Der Grundstein für den Schulneubau wurde vor vier Jahren gelegt, als der damalige Präsident Àlvaro Uribe den Kogui den Landtitel für das neu geschaffene Dorf Domingueka feierlich überreichte.


Domingueka am frühen Morgen mit dem Blick auf die Gipfel der Sierra Nevada. (c) Frank Semper
  Der anschließende Weg über die Hügelkuppe ins Dorf ist kurz und doch erscheint er uns wie ein Gang in eine andere, weit zurückliegende Zeit. In dem vor uns liegenden Talabschnitt tut sich ein Dorf auf, wie es schon vor über vier Jahrhunderten bei der untergegangenen Tairona-Kultur existiert haben mag, dabei ist es erst wenige Jahre alt. Eng beieinander stehen etwa vierzig Rundhütten, jeweils auf einem flachen Fundament, die Wände sind aus Bambus oder Zuckerrohr errichtet, dazwischen steckt getrockneter Lehm. Die konisch zulaufenden Dächer sind mit Wildgras gedeckt und tief heruntergezogen. Sie bilden an ihrer Spitze einen oder zwei aufgesteckte Zipfel.

Die Hütten sind bis auf eine Hängematte fast leer. Zwischen den gewöhnlichen Rundhütten ragt das Zeremonienhaus heraus, mit Seitenwänden aus Bastmatten in Rhombenmustern und einen offenen Ein- und gegenüberliegenden Ausgang. Im Inneren sind flache Bänke um die vier Feuerstellen gruppiert, der Treffpunkt der nächtlichen Gesprächsrunden.
Direkt gegenüber liegt das einzige viereckige Haus des Dorfes, dessen Seitenwände zur Hälfte geschlossen sind. Wir befestigen die Hängematten am Dachgebälk und Antonio weist uns an, die Ein- und Ausgangstür geschlossen zu halten, damit die umherlaufenden Hühner und Schweine nicht hereinkommen, und es nicht zu einer unliebsamen Begegnung mit einer der weit verbreiteten Schlangen kommt. Schon bald beobachten uns neugierige Kinderaugen beim Auspacken und Einrichten. Gelegentlich taucht einer der erwachsenen Kogui auf, fragt wer wir seien und wo wir herkämen. Ein Indigenendorf ist wie ein Bühne und der Beobachter wird im Handumdrehen selbst zum Beobachteten, jedenfalls bleibt keine Tätigkeit unentdeckt.
Außerhalb des Dorfes unter einem mächtigen Baum mit ausladenden Ästen und Blick auf den schäumenden Río Santa Clara liegen die „Sitze der Mamas“, eine Reihe kleinerer Rundsteine mit kantig aufragenden Rückenlehnen. Das Dorf wird von einem Berg beherrscht, nach dem es benannt ist („der heilige Berg der guten Sachen“), und der die magische Verbindung zwischen dem Hafen Dibulla und den höher gelegenen Berggipfeln herstellt, ein heiliger Berg, schon deshalb, weil er die Form eines Tempels und des männlichen Geschlechts aufweist.
Noch bis vor wenigen Jahren hatten eingedrungene Kolonisten den Ort den Kogui streitig gemacht. Erst der langjährige, hartnäckige Widerstand hat die indigene Ortsgründung ermöglich und mit ihr die Erweiterung des Resguardos in Richtung Küste eingeleitet, näher heran an die Linea Negra, die ihr traditionelles Territorium zwischen den heutigen Städten Santa Marta, Riohacha und Valledupar markiert, das wiederzuerlangen ihr Bestreben ist.

Die Kogui-Siedlungen liegen entlang der Flusstäler und unterscheiden sich nach zeremoniellen und sozialen Funktionen. Während die bedeutenden Zeremonienzentren in den höheren Lagen um etwa 2500 m anzutreffen sind und nur wenige Hütten umfassen, gruppieren sich die sozialen Zentren mit einer größeren Zahl an Familien in den tiefer gele-genen Flussabschnitten. Einige der weit abgelege-nen Kogui-Dörfer sind ausschließlich den Mamas vorbehalten. Die Dörfer werden nicht ständig be-wohnt, sondern dienen als Versammlungszentren für ausgewählte Feierlichkeiten oder gelegentliche Treffen, auf dem Weg der Familien zwischen den Fincas, auf denen sie sich überwiegend aufhalten, um Landwirtschaft zur Selbstversorgung zu betreiben.  
Uribe Salavedra aus San Francisco begegnet mir bei seiner
Ankunft in Domingueka. (c) Frank Semper

Bis auf die in der Organisation Gonawindúa-Tairona aktiven Kogui und die gut ausgebildete jüngere Generation sprechen nur wenige Spanisch. Das Resguardo Kogui-Malayo-Arhuaco, das eine Fläche von 364.490 Hektar umfasst, teilen sich die Kogui, deren Zahl auf 10.000 Angehörige angewachsen ist, mit den verwandten Wiwa (Arzario), ein Volk mit 13.700 Angehörigen, die sich auch „Malaya“ nennen, sowie den Arhuaco, die zudem noch ein weiteres im Südwesten angrenzendes Resguardo bewohnen und mit ca. 15.000 Angehörigen die bevölkerungsreichste Ethnie in der Sierra Nevada darstellen. Eine Sonderrolle nehmen die Kankuamo im Südosten der Sierra Nevada ein, deren Zahl gleichfalls auf 15.000 beziffert wird. Sie waren schon mit Gewalt in die Mehrheitsgesellschaft integriert und hatten ihre Sprache verloren, bevor sie sich unter Anleitung der Kogui neu organisiert haben und der staatlichen Verwaltung im Jahr 2003 ein eigenes Resguardo abtrotzen konnten.

In der Sierra Nevada schlägt das Herz der Welt, daher ist den vier Völkern eine große Verantwortung auferlegt, um sie ihrer selbst wegen wie der Bedeutung für den Planeten vor Schaden zu bewahren. Jedem der vier Völker wurde von der Großen Mutter ein Gesetz des Ursprungs übergeben, von dem nicht abgewichen werden darf, um den Kreislauf der Welt zu sichern. Das Gesetz bestimmt, dass alles, was als Materie existiert, schon immer als Geist vorhanden war und durch die Materialisierung lediglich geordnet wird.


Vater und Sohn auf dem Weg zu ihrer Finca.
(c) Frank Semper
  Das Land und das Leben der Indigenen der Sierra ist niedergelegt in den Gesetzen der Natur, den Lagunen, den Steinen, den Bergen, dem Vogelflug und dem Wind, deren Geist die Mamas erkennen und zu nutzen verstehen als Leitschnur für Bildung, Erziehung, den Erhalt des sozialen Wohlergehens, der Natur und der materiellen wie spirituellen Existenz jedes einzelnen. Jeder Ausschnitt des Lebens folgt einem festen Plan, einem unabänder-lichen Gesetz, ob es nun Berge, Flüsse, Ernten oder Menschen betrifft. Alles ist zugleich materia-lisierter Geist und vergeistigte Materie.

Zur Neugründung von Domingueka hatte die kolumbianische Regierung Gelder zur Verfügung gestellt, um das von Kolonisten besetzte Land „freizukaufen“ und die traditionellen Hütten, das Schulgebäude und den Gesundheitsposten zu errichten, ebenjene Regierung, die Großprojekte genehmigt, die von der Missachtung des Denkens der Kogui zeugen, die Sierra wie einen lebendigen Organismus zu betrachten, der nicht berührt werden darf. Das Gesetz des Ursprungs wird verletzt, wenn in Dibulla ein Verladehafen gebaut wird oder der Río Ranchería im Westen aufgestaut wird, um Wasserenergie zu erzeugen. Die Kogui werden von ihren Wurzeln abgeschnitten, sie können an diesen Orten keine „pagamentos“ (Opferungen) mehr vornehmen. Die Bucht von Dibulla beherbergt die Meeresschätze, Muscheln, Fische, Kaimane und Mangroven, hier mündet das Wasser aus den Höhenlagen der Sierra, hier schließt sich der Kreis des Lebens, die Verbindung vom Meer zu den Lagunen auf den Páramos wird unterbrochen. Diese Orte dienen, wie die Kogui stets betonen, der ganzen Menschheit und dem Universum, wenn wir sie zerstören folgen Krankheiten, Sturmfluten, Trockenheit und Hungersnot. Ihren Kampf gegen das am Río Ranchería errichtete Wasserkraftwerk aber haben die Kogui dennoch verloren, zuletzt bestätigt durch eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes in Bogotá.

Wir sind mit Juan Mamatakan, dem langjährigen Gobernador, verabredet. Ein stämmiger und charismatischer Mann, der uns in geschliffenen Sätzen vom jahrzehntelangen Widerstand gegen die unkontrollierte Kolonialisierung berichtet: „Unser Land wurde in den 1960er Jahre von Kolonisten besetzt. Die Kleinen Brüder haben uns betrogen, unser Land gestohlen und unsere Frauen vergewaltigt. Sie haben unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Die Kolonisation reichte bis in die Höhenlagen der Sierra, und die staatlichen Behörden haben sogar Landtitel an die Kolonisten bis hinauf zu den Páramos vergeben. Wir starben wie die Fliegen an Malaria, Gelbfieber, Windpocken und anderen eingeschleppten Krankheiten. Es gab in jener Zeit niemanden, der sich für uns eingesetzt hat, lediglich der italienische Padre Emilio Cucchiella hat uns geholfen zu überleben. Erst mit Gründung der Organisation Gonawindúa Tayrona haben wir uns 1986 eine eigene Stimme gegeben, die gegenüber dem Staat Gewicht hat.“
Die Zurückgewinnung des traditionellen Landes setzte 1992 mit dem Programm zur Agrarreform ein, was dazu führte, dass neue Ansiedlungen für die Indigenen auf dem Land ihrer Vorfahren gegründet wurden. Die viel versprechend begonnene Politik zur Ausweitung von Resguardoland musste allerdings bereits nach kurzer Zeit massive Rückschläge hinnehmen, als Guerilla und paramilitärische Verbände in das Land der Kogui eindrangen, um in der abgelegenen Region Kokain zu produzieren. Erst vor vier Jahren konnte die geplante Erweiterung des Resguardo mit der Neuansiedlung Domingueka fortgesetzt werden. Seitdem hat sich die Lage für die Indigenen im Bereich von Gesundheit und Bildung verbessert. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die jungen Indigenen nach erfolgreichem Schulabschluss zur weiteren Ausbildung auf eine staatliche Hochschule wechseln, um anschließend in die Gemeinschaft zurückzukehren. Mit den gewachsenen Möglichkeiten sind auch die Anforderungen gestiegen, denen die Kogui in der modernen Welt ausgesetzt sind. Mamatakan bringt es auf den Punkt: „Ein Kogui muss heutzutage zugleich traditionell und im westlichen Sinne bestens ausgebildet sein.“

Zu unserem Gespräch kommen Mama José Chimulata und zwei weitere Mamas hinzu, drei hagere Gestalten mit ausgeblichenen Gewändern und langen, verfilzten Haaren. Mit Mamatakan tauschen sie zur Begrüßung aus ihren Umhängebeuteln getrocknete Kokablätter und mischen sie mit dem feingeriebenen Muschelkalk aus den Poporos.

Der Poporo, mit dem jeder Kogui im Alter von fünfzehn Jahren durch den Mama verheiratet wird, ist wie ein Modell der Sierra Nevada. Die Schneegipfel sind wie der Kalk an der Spitze des ausgehöhlten Kürbis, und der Leckstab, mit dem die Kogui in den Poporo stoßen, ist wie die Achse der Welt, der die Berge an ihrer höchsten Spitze durchbohrt. Die Kogui reiben während unserer Unterhaltung unentwegt an ihren Poporos, und die Mischung aus Muschelkalk und zerkauten Kokablättern legt sich beim Ablecken des Stöckchens wie gelber Blütenstaub auf ihre Lippen.  
Poporo in den Händen des Mama. (c) Frank Semper

Anders als die in der politischen Auseinandersetzung gestählte Generation von Kogui-Akteuren, die ihre Kontakte routiniert mit dem Mobiltelefon pflegt, sprechen diese Mamas zunächst einmal überhaupt nicht, sondern blicken beiläufig an uns vorbei, ihre Augen wie in eine jenseitige Welt gerichtet. Aus dem Mund von José Chimulata, seit Kindertagen zum Mama ausgebildet, kommen vereinzelt Worte in der kehligen Sprache der Kogui, während er in rhythmischen Bewegungen mit dem Stab an der Spitze seines Poporo reibt. Die Mythen der Kogui beginnen bei den Anfängen, in denen alles dunkel und ungeordnet war. Mama Chimulata beschreibt es uns. „Die Große Mutter hat die Welt erschaffen und sie wie ein Ei geformt, das in neun Schichten unterteilt ist. Alle Dinge haben neun Väter und neun Mütter. Sintána war der erste Kogui und ein Sohn der Großen Mutter. Er nahm die Sonne und setzte sie hoch ans Firmament, und sie schien neun Tage lang und verbrannte die Erde, dann nahm er sich Sei-nake zur Frau, die über den Mond gebietet, und die Erde wurde fruchtbar.“

Im Nachbartal liegt Tungueka am Fuße einer Anhöhe. Der Name bedeutet „Seht, ich übergebe den Berg“. Das Dorf besteht erst seit kurzer Zeit, der Platz wurde von den Kolonisten zurückgeholt und liegt unmittelbar an der Resguardogrenze, so dicht, dass keine fünfzig Meter entfernt eine Kolonistenfamilie in ihrer windschiefen Holzhütte mit Blechdach verblieben ist. Noch sind die Zeichen, die die Kolonisation geschlagen hat, unübersehbar. Vor den Augen der Kogui breitet sich das Weideland in Richtung Küste aus, durchschnitten von Zäunen mit Stacheldraht, und die Hügel sind anders als in Domingueka entwaldet. Als wir im Dorf ankommen, trottet eine Karawane von Maultieren beladen mit frisch gesägten Hölzern und angetrieben von einem Kolonisten durch das Dorf. Die Mamas sitzen auf den hier überall verstreut liegenden gerundeten Granitfelsen unter einem dürren Baum in der Mittagssonne und halten ihre Poporos mit einem gewaltigen Schaft, an denen sie unentwegt mit dem Stab kratzen, in den Händen.


Die Mamas von Tungueka. (c) Frank Semper
 

Sie nehmen uns ein spirituelles „Bekenntnis“ ab, das als Alúna bezeichnet wird. Um dem Denken der Kogui zu folgen, müssen wir der Schlechtigkeit der eigenen Welt entsagen, indem wir mit ausgestreckten Armen und gespreizten Fingern über einer auf einem Felsen platzierten vertrockneten schwarzen Frucht, die von einer Espeletia vom Páramo stammt, halbkreisförmige Bewegungen vollführen, während der Mamaälteste eine Beschwörungsformel spricht.

 

Die Mamas studieren die Dinge, damit sie in Übereinstimmung mit dem Konzept der Alúna wachsen und gedeihen. Wenn das Gesetz des Ursprungs ein abstraktes Ideal beschreibt, dann wird es durch die Alúna in eine konkrete Handlungsanweisung für jeden Einzelnen durch die Mamas übersetzt, wenn man so will, vergleichbar dem westlichen Konzept von Sein und Sollen, das bei uns schmerzlich getrennt, im Denken der Kogui hingegen zur Deckung gebracht wird. Der Einzelne wird angehalten, den langen Weg zur Vervollkommnung seines Lebens einzuschlagen, der ihn schließlich in einen Zustand wie vor der Zeit des ersten erhaltenen Poporo in der Jugend führt, in eine Phase vollkommener Reinheit.
Die Zeit verläuft für die Indigenen nicht linear, sondern zirkular. Sie besteht in der steten Wiederkehr des Vergangenen. Der ewige Kreislauf des Lebens ist für die Kogui ebenso nah wie der Kreislauf des Todes. Sie haben große Angst, wieder in den Zustand vor der Schöpfung der Welt zurückzufallen. Kommt das Gespräch auf die durch die Kleinen Brüder verursachten Schäden, befällt die ansonsten so gelassenen und schicksalsgeprüften Menschen eine tiefe Unruhe: „Unsere Kleinen Brüder zerstören die Welt. Die Welt darf nicht ausgebeutet, Bodenschätze nicht entnommen, Flüsse nicht aufgestaut werden, sonst folgen Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis.“

Und dann mündet die Weltsicht der Mamas in einer düsteren Prophezeiung. „Das Ende der Welt wird wie ihr Anfang sein. Alles wird dunkel und ungeordnet, die Sonne verliert ihren festen Lauf, die Ameisen und Vögel zerstören die Saat, die Toten kehren auf die Erde zurück. Die Schöpferin der Welt, die Große Mutter nimmt zurück, was sie gegeben hat. Das Gesetz des Ursprungs, das allen Dingen ihren festen Platz zugewiesen hat, der Sonne, den Winden, den Tieren und Pflanzen, verliert seine Wirkungskraft. So wird das Ende sein.“

Text und Fotos © Frank Semper 2012

 
Eine Hängebrücke, die noch von den Kolonisten stammt, überquert den Rio Santa Clara. (c) Frank Semper

Die Reise von Frank Semper zu den Kogui ist auch Thema
der Reportage »Der Warnruf der großen Brüder«
in der aktuellen Ausgabe des Magazins TERRAMATER